Volvos Schneewittchensarg P1800 ES
Dieses Mal jedoch schlug Wilsgaard einen anderen Weg ein: Man hatte sich für eine Art sportlichen Kombi entschieden, und der Designer verarbeitete seine Ideen zu zwei Studien, die unter den Namen Beach Car und Rocket bekannt wurden. Wie die Namen, so unterschieden sich auch die Ergebnisse merklich: Rocket, das war der Extrementwurf. Zwar blieb auch hier die Frontpartie des Coupés erhalten. Das Heck erinnerte jedoch nicht mehr im Entferntesten an die Wurzeln des Wagens. Die barocken Formen des Coupés wurden ersetzt durch eher glatte Blechflächen und eine nahezu steil stehende Glas-Heckklappe. Den Volvo-Chefs war das dann doch zu viel des Modernen - die Schweden-Rakete blieb ein Einzelstück.
Besser anfreunden konnten sich die Herren mit dem Konzept des Beach Car. Diese Studie war optisch schon sehr nahe an dem, was dann einige Jahre später auf den Markt kam. Denn obwohl das Beach Car bereits 1968 auf den Rädern stand, sollte es noch drei Jahre dauern, bis das Lifting des Coupés zu einem Serienmodell wurde.
Im August 1971 konnte die Welt sehen, dass Wilsgaard ganze Arbeit geleistet hatte: Mit wenigen Kunstgriffen war etwas entstanden, das dem alten Coupé neuen Schwung gab. Was den P1800 ES so besonders machte, war vor allem Glas - viel Glas. Nicht nur, dass die großen Seitenscheiben unter dem lang gezogenen Dach für bessere Sicht nach allen Seiten sorgten, das eigentliche Wahrzeichen des ES ist die komplett aus Glas gefertigte Heckklappe.
Alles in allem wurde die bislang eher betuliche Form derart aufgefrischt, dass der Volvo als echter Blickfang galt. Nicht jeder fand ihn wirklich schön, aber jeder guckte hin - und das, obwohl die Idee des sportlichen Kombis so neu nun auch nicht war. Immerhin hatte der britische Sportwagenhersteller MG seinem B-Roadster ebenfalls ein Dach samt Heckklappe verpasst und das Ergebnis MG-B GT genannt.
Wie auch immer - der P1800 ES hatte das gewisse Etwas. Und er hatte bald auch einen Spitznamen, der heute bekannter als die Werksbezeichnung ist. Irgendein fantasievoller Geist fühlte sich von dem rollenden Glashaus an einen Schneewittchensarg erinnert. Dabei blieb es - und überraschenderweise hat der Begriff Sarg bei diesem Auto niemals für ein schlechtes Image gesorgt.
Ganz allein wollte Volvo dem Neuen das sportliche Feld vorerst aber noch nicht überlassen. Daher lief die bekannte Version des Coupés weiter vom Band. Schließlich hatte das nunmehr 1800 E genannte Auto erst kurz zuvor einen Einspritzmotor bekommen. Der trieb natürlich auch den ES an, er teilte ja die Basis. Das 2,0-Liter-Triebwerk leistete 91 kW/124 PS und trieb den Sportkombi auf bis zu 185 Stundenkilometer, was seinerzeit kein schlechter Wert war. Eine Beschleunigung in 10,8 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 machte sich ebenfalls nicht nur im Auto-Quartett gut.
Auch bei den Kunden kam der Schneewittchensarg gut an. Trotzdem blieb das Auto nur eine Episode. Nachdem die Coupé-Version des 1800 eingestellt war, lief 1973 nur noch der ES vom Band - bis am 27. Juni jenes Jahres nach 8077 Exemplaren auch für ihn das Ende gekommen war. Bis heute allerdings ist der Schneewittchensarg unvergessen und wohl einer der bekanntesten Volvos überhaupt. Verbliebene Exemplare im Bestzustand werden wegen der einzigartigen Form und auch wegen ihrer Seltenheit zu Preisen weit oberhalb der 30 000-Euro-Marke gehandelt.
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